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Folgender Artikel erschien im Münchner
Merkur, Landkreisausgabe Fürstenfeldbruck, am 20.1.98
Eine einzigartige Esperanto-Bibliothek
Der
Germeringer Physiker Karl Breuniger beschäftigt sich intensiv mit der
Weltsprache
Germering (fm) - " Ki ciu homo lin evitas kaj en domo ne
invitas" - Ist das eine Sprache? Die Worte verfügen über eine
merkwürdig ausgeglichene Mischung aus Um- und Selbstlauten. Gesprochen oder
sogar gesungen klingt das ganze deutlich "romanisch". Italienisch
oder Spanisch vielleicht? "Seht ihr nun da steht er, Pfui der
Stuwelpeter, heißt es auf Deutsch. Es ist Esperanto. Ganz so lebendig wie
das Deutsche ist die Esperanto-Version vom "Struwelpeter" nicht.
Aber das liegt nur am Übersetzer. Esperanto ist eine künstliche
"Plansprache"
bewußt einfach und alltagstauglich konstruiert: ganze 16 Regeln machen
die Sprachgrammatik aus. Zum Beispiel gilt "-as" als universale
Verbform, "j" -als generelle Mehrzahlendung. Jedes Adjektiv
bekommt ein "a" ans Ende verpasst -jeder soll Esperanto möglichst
mühelos und schnell lernen können. Dahinter steckt die Idee der weltweiten
Völkerverständigung. Sie bewog im Jahr 1887 den im polnischen Grenzgebiet
lebenden jüdichen. Arzt Ludwig Zamenhof dazu, Esperanto zu erfinden.
Den Germeringer Esperantisten Karl Breuninger veranlaßte sie, als
Mitglied des "Münchner Esperanto Club "eine der wenigen deutschen
Esperanto-Bibliotheken im Keller seines Privathauses zu verwalten.
Peking 1986. Karl Breuninger besucht dort einen
"Esperanto-Kongress". "Ich konnte mich da mit einer
chinesischen Billetzwickerin unterhalten", erinnert er sich. Auch wenn
in der letzten Zeit "die Gebildeten" unter den Esperantisten
immer mehr werden und vor allem sie sich das Geld für einen Kongressbesuch
leisten können: die Sprache wurde so erdacht, daß sie ohne Vorbildung oder
Geübtheit etwa innerhalb eines halben Jahres gelernt werden kann. Arbeiter
waren es auch vorwiegend, die die Weltvolkssprache, laut Breuninger
durchaus auch im Sinne der Förderung einer weltweiten
Proletariergemeinschaft, lernten und verbreiteten.
"Zentrum der Bewegung," so der Germeringer, war Frankreich,
die "Hochblüte" der von Hitler und Stalin verbotenen Kunstsprache
die Zeit zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg. Während der Nazi-Zeit
landeten Esperanto-Kundige im KZ. In Paris sitzt heute auch einer der
beiden wichtigsten Verbände, die UEA (Universala Esperanta Associo).
Breuninger sagt "Bewegung". Man bemerkt ein ausgeprägtes
Gemeinschaftsgefühl. "Wenn ich heute in irgendeinem Land der Welt auf
einen Esperantisten stoße, hilft der mir." Gegenseitige
Hilfsbereitschaft, und Gastfreundschaft zeichnen den Umgang der Weltsprachler
miteinander aus. Das Fremdheitsgefühl in einem anderen Land läßt dabei
nach. "Es geht darum, die Aggressionen abzubauen, die entstehen, weil
man sich nicht versteht, bzw. kennt", präzisiert es Breuninger. Wer
Esperanto lernt, tut also etwas für den Weltfrieden.
Im Unterschied zur Weltsprache "Englisch" sind die
Kompetenzunterschiede beim Esperanto nicht so groß. "Ich spreche mit
einem Amerikaner in Esperanto unbefangener", schildert Breuninger
seine Erfahrungen. Die gepriesene "Offenheit" der Esperantisten
verbindet laut Breuninger Kontakt zwangsläufig mit Landes-, Orts- und
Kulturkunde. Im Haus in der Erikastraße, fanden Esperantojünger
verschiedenster Länder wochenlang Unterschlupf. Karl Breuninger ist von
Beruf Physiker. Als er im Jahr 1968 Esperanto lernte, schwebte ihm das
lockere Gespräch in einer multikulturellen Runde vor. Von seiner
zweisprachigen Jugendzeit in Georgien schwärmt er heute noch.
In München zahlt er als Mitglied des 70köpfigen Esperanto-Klubs 60 Mark
Beitrag im Jahr. Sprachkurse werden dort umsonst angeboten. Zwölf
Esperantisten gibt es im Brucker Landkreis. Hätte Karl Breuninger mehr
Zeit, würde er sich um, eine Landkreis-Klub-Filiale kümmern.
Die Germeringer Bibliothek besteht aus 1800 Bänden. Neben
Sprachtheorie sind ganz unterschiedliche Wissensgebiete abgedeckt: Eine
Übertragung Dantes "Göttliche Komödie" belegt sprachliche
Künstfähigkeit bei aller Einfachheit. Wer an einer Ausleihe interessiert
ist, zum Beispiel auch eines Kursbuchs zum Selbststudium, trifft bei Karl
Breuninger unter 089/846522 auf "malfermaj oreloj" (offene
Ohren) und ein "malferma domo" (offenes Haus).
Freisleder
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